Angenehme Emotionen stärken Intimität und nicht das Vermeiden unangenehmer Gefühle
In der Paarforschung und -therapie liegt der Fokus häufig auf negativen Emotionen: Streit, Kritik, Rückzug, Verletzung. Doch eine aktuelle Längsschnittstudie von Rusu et al. (2022) zeigt:
Nicht „negative“ (besser wäre unangehme) Emotionen bestimmen die Intimität in Beziehungen, sondern „positive“ (besser angenehme).
Hintergrund:
Emotionen beeinflussen maßgeblich die Stabilität und Qualität von Partnerschaften. Während unangenehme Gefühle oft als Hauptproblem betrachtet werden, erleben Paare in stabilen Beziehungen statistisch häufiger angenehme (in der Studie positive) als unangenehme (in der Studie negative) Emotionen.
Die Forschenden wollten wissen:
👉 Fördern „positive“ Emotionen die Intimität?
👉 Oder reicht es aus, „negative“ Emotionen zu reduzieren?
Methodik:
81 rumänische Paare (durchschnittliche Beziehungsdauer: 10 Jahre) führten über sieben Tage ein tägliches Beziehungstagebuch.
Erfasst wurden:
erlebte „positive“ Emotionen
erlebte „negative“ Emotionen
tägliche Intimität (z. B. Sicherheit, Verbundenheit, Wertschätzung)
Ergebnisse:
- Mehr „positive“ Emotionen sagten eine höhere Intimität voraus, sowohl auf täglicher als auch auf allgemeiner Ebene.
„Negative“ Emotionen allein hatten keinen direkten Einfluss auf die Intimität.
Allerdings schwächten hohe „negative“ Emotionen den positiven Effekt „positiver“ Gefühle ab (Stichwort Positivity Ratio).
Frauen reagierten besonders sensibel auf die Emotionen ihrer Partner. Ihre Intimität wurde deutlich durch die Gefühlslage des Partners beeinflusst.
Ein besonders spannendes Ergebnis: Frauen mit insgesamt niedrigem „positiven“ Emotionserleben profitierten überproportional von einer Zunahme „positiver“ Emotionen.
Theoretische Einordnung:
Die Ergebnisse unterstützen die Broaden-and-Build-Theorie:
angenehme Emotionen erweitern Wahrnehmung und Handlungsspielräume und bauen langfristig zwischenmenschliche Ressourcen auf.
Entscheidend ist:
Die Abwesenheit unangenehmer Emotionen bedeutet nicht automatisch, dass Intimität entsteht.
Intimität wächst aktiv durch positive emotionale Erfahrungen.
Praxistranfser:
Für Paarberatung, Coaching und bindungsfokussierte Arbeit bedeutet das:
Es reicht nicht, Konflikte zu reduzieren.
Es braucht gezielte Förderung angenehmer emotionaler Erfahrungen.
Interventionen sollten bewusst Dankbarkeit, Freude, Wertschätzung und Nähe aktivieren.
Intimität entsteht nicht durch „weniger Streit“, sondern durch „mehr positive Verbindung“.
Quelle:
Rusu, P. P., Apostu, M. N., Turliuc, M. N., & Hilpert, P. (2022). Positive, but not negative emotions, predict intimacy in couple relationships: A daily diary study

